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Biodiversität

BenG-Mitglied Johannes Laible
von BenG-Mitglied Johannes Laible,
Laible Verlagsprojekte

Biodiverse Außenräume für Mensch und Umwelt

Der Verlust biologischer Vielfalt gehört zu den großen Umweltproblemen unserer Zeit. Während das nachhaltige Bauen lange allein von Klimaschutz und Energieeffizienz geprägt war, rückt zunehmend auch die Biodiversität in den Fokus der Baupraxis. Gebäude, Gärten und Freiflächen können – richtig geplant und gestaltet – wertvolle Lebensräume für Pflanzen und Tiere schaffen. Der Gebäudesektor kann damit vom Problem zum Teil der Lösung werden.

Biodiverse Außenräume für Mensch und Umwelt
Foto: Myriam/Pixabay.com
Analyse: Wenn die Windschutzscheibe leer bleibt

Viele kennen die Beobachtung aus eigener Erfahrung: Früher musste nach längeren Autofahrten regelmäßig die Windschutzscheibe von Insekten gereinigt werden – heute bleibt sie oft erstaunlich sauber. Was zunächst wie eine Randnotiz des Alltags wirkt, ist tatsächlich ein weithin sichtbares Symptom eines umfassenden ökologischen Problems: dem Verlust der Biodiversität.

Eine viel zitierte Langzeitstudie des Entomologischen Vereins Krefeld zeigt, dass die Biomasse fliegender Insekten in deutschen Schutzgebieten zwischen 1989 und 2016 um durchschnittlich rund 76 % zurückgegangen ist, in einzelnen Sommermonaten sogar um mehr als 80 %. Der Verlust an Biodiversität wird inzwischen auch aus ökonomischer Perspektive als zentrales globales Risiko betrachtet. Der Global Risks Report des World Economic Forum zählt den Biodiversitätsverlust zu den bedeutendsten langfristigen Risiken für Wirtschaft und Gesellschaft – neben Klimawandel, Extremwetterereignissen und Ressourcenknappheit. Intakte Ökosysteme sichern Leistungen, von denen menschliche Gesellschaften direkt abhängen: fruchtbare Böden, sauberes Wasser, Bestäubung von Nutzpflanzen oder die Regulierung von Klima und Wasserhaushalt.

Vor diesem Hintergrund rückt mit dem Bauwesen zunehmend eine Branche in den Fokus, die lange vor allem unter Energie- und Klimaschutzaspekten betrachtet wurde.

Die Rolle des Bauens

Die gebaute Umwelt prägt Landschaften stärker als fast jeder andere menschliche Eingriff. Neubaugebiete, Gewerbeflächen und Verkehrsinfrastruktur führen zur Versiegelung von Böden, zur Zerschneidung von Lebensräumen und zur Veränderung natürlicher Wasser- und Stoffkreisläufe.

Allein in Deutschland werden laut Umweltbundesamt täglich rund 52 Hektar Fläche neu als Siedlungs- und Verkehrsfläche in Anspruch genommen. Ein erheblicher Teil davon geht mit dauerhafter Bodenversiegelung einher. Für viele Pflanzen- und Tierarten bedeutet dies den Verlust von Lebensräumen.

Doch nicht nur der Flächenverbrauch spielt eine Rolle. Auch die Gestaltung der bebauten Umgebung beeinflusst die Artenvielfalt erheblich. Monotone Rasenflächen, sterile Außenanlagen oder Schottergärten bieten kaum Nahrung oder Rückzugsräume für Tiere. Gleichzeitig verschwinden in vielen Regionen strukturreiche Landschaftselemente wie Hecken, Wildblumenwiesen oder Feuchtflächen.

Dabei könnten gerade Städte und Siedlungen wichtige Refugien für Biodiversität sein. Zahlreiche Studien zeigen, dass urbane Räume bei geeigneter Gestaltung eine erstaunlich hohe Artenvielfalt aufweisen können – insbesondere für Vögel, Insekten und Pflanzen.

Jeder kann etwas tun

Neben großen Bauprojekten bieten auch private Gebäude und Gärten zahlreiche Möglichkeiten, biologische Vielfalt zu fördern. Schon kleine Maßnahmen können in der Summe erhebliche Wirkung entfalten.

Ein wichtiger Ansatz besteht darin, Lebensräume für Tiere zu schaffen. Nistkästen für Meisen, Spatzen oder Stare lassen sich einfach an Fassaden oder Bäumen anbringen. Für Fledermäuse eignen sich spezielle Quartierkästen an Hauswänden oder unter Dachvorsprüngen. Insektenhotels können Wildbienen einen Nistplatz bieten, wenn sie aus geeigneten Materialien wie Hartholz, Schilf oder Bambus bestehen.

Auch die Pflanzenauswahl im Garten hat großen Einfluss auf die Biodiversität. Heimische Sträucher und Stauden bieten deutlich mehr Nahrung und Lebensraum für Insekten als viele exotische Zierpflanzen. Besonders wertvoll sind beispielsweise Weißdorn, Schlehe, Holunder, Wildrosen oder Hasel, die sowohl Blüten als auch Früchte liefern. Für kleinere Gärten eignen sich zudem Felsenbirne oder Kornelkirsche, deren Blüten im Frühjahr wichtige Nahrungsquellen für Insekten darstellen.

Bei Stauden und Kräutern sind etwa Wiesensalbei, Natternkopf, Thymian, Dost (wilder Oregano) oder Schafgarbe besonders attraktiv für Wildbienen und Schmetterlinge. Auch Wildblumenwiesen mit Arten wie Margerite, Kuckucks-Lichtnelke oder Glockenblumen können die Artenvielfalt deutlich erhöhen.

Ein häufig unterschätztes Problem sind Vogelkollisionen mit Glasflächen. Große Fenster oder Glasfassaden spiegeln Himmel und Vegetation und werden von Vögeln nicht als Hindernis erkannt. Strukturierte Glasoberflächen, außen angebrachte Markierungen oder spezielle Vogelschutzfolien können helfen, solche Kollisionen zu vermeiden.

Auch Gründächer (bei neu gebauten Nichtwohngebäude vielerorts bereits verpflichtend!) leisten einen wichtigen Beitrag. Extensive Dachbegrünungen sind vergleichsweise pflegeleicht und bieten Lebensraum für zahlreiche Insektenarten. Noch artenreicher werden Dächer, wenn neben den typischen Sedum-Arten auch Kräuter und Wildblumen integriert werden.

Nicht zuletzt spielt eine naturnahe Gartengestaltung eine wichtige Rolle. Kleine Elemente wie Totholzhaufen, Steinhaufen oder flache Wasserstellen schaffen zusätzliche Strukturen und fördern die Artenvielfalt. Auch das teilweise Stehenlassen von verblühten Pflanzen im Winter bietet Insekten Überwinterungsmöglichkeiten.

Förderung und Anreize

Die Förderung biodiversitätsfreundlicher Bauweisen erfolgt häufig indirekt über Programme für nachhaltiges oder energieeffizientes Bauen. In Deutschland können Bauherren beim Programm „Klimafreundlicher Neubau“ zinsgünstige Kredite der KfW erhalten, wenn Gebäude hohe Energieeffizienzstandards erfüllen und zusätzliche Nachhaltigkeitsanforderungen berücksichtigen. Bei höheren Förderstufen ist eine Zertifizierung nach dem Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) notwendig, das auch Aspekte der Freiraumqualität und der ökologischen Wirkung von Gebäuden bewertet.

Darüber hinaus fördern viele Bundesländer und Kommunen Maßnahmen wie Dachbegrünungen, Entsiegelung von Flächen oder naturnahe Freiraumgestaltung. Gerade im urbanen Raum gewinnen solche Programme an Bedeutung, da sie gleichzeitig zur Anpassung an den Klimawandel und zur Förderung der Biodiversität beitragen.